Jan Silberstorff: EINE FRAU ALS MITBEGRüNDERIN DES TAIJIQUAN

Chen Wangting (1597-1664) ist, wie allgemein bekannt und von allen offiziellen Stellen anerkannt, der Ahnherr und Urbegründer des Chen-Taijiquan. Aus dem Chenstil haben sich später alle weiteren bekannten Familienstile des Taijiquan entwickelt.
Chen Wangting, als General sehr Schlachtfeld erfahren, studierte nach dem Dynastiewechsel der Ming- zur Qingdynastie, in Zurückgezogenheit in seinem Heimatdorf Chenjiagou daoistische Lehren und ihre innere Alchemie. Aus beidem, der Kampfkunst und der inneren Alchemie erschuf er ein neues System gesundheitsorientierter Kampfkunst. Dieses wurde später unter dem Begriff Taijiquan weltberühmt.
Chen Wangting beruft sich bei seiner Erforschung und Zusammensetzung des neuen Faustkampfes grundlegend auf zwei klassische Werke. Zum einen auf das
„Ji Xiao Xin Shu – neu verfasste Annalen des Dienstes“ (1575), das ebenfalls von einem General der Mingdynastie, Qi Jiguang (1528-1587), verfasst wurde und zum anderen auf das „Huang Ting Jing (Huang ting nei wai yu jing jing – „der Klassiker des gelben Innenhofes über die innere und äußere Jadelandschaft“)“.
Durch seine große Erfahrung und gestützt durch diese beiden Werke verband er äußere Kampftechnik mit innerer Energieführung.
Das Werk von Qi Jiguang beschreibt die Hauptmerkmale der chinesischen Kampfkünste seiner Zeit und hebt die wichtigsten Techniken hervor. Chen Wangting begründete seine Techniken hauptsächlich aus dem 14. Kapitel „Quan jing – Hauptmerkmale des Trainings des Boxklassikers“ des oben genannten Werkes. Das Huang Ting Jing besteht im Wesentlichen aus 36+3 in Versform gehaltener Kapitel über rechte Lebensführung, Ernährung, Sexualität und vornehmlich innerer Energiearbeit zur Erlangung der Unsterblichkeit.
Während es eine Menge gesicherter Informationen über den Autor des „Ji Xiao Xin Shu“ gibt, so ist bisher fast nichts verbreitet worden über die Autorenschaft des „Huang Ting Jing“.
Der vollständige Titel „Huang ting nei wai yu jing jing“ setzt sich zusammen aus der Farbe gelb („huang“), welche in China schon von jeher eine besondere Bedeutung hatte. Sie war die Farbe der Kaiser und wurde innerhalb der fünf Elemente der Erde zugeordnet, welche wiederum das Zentrum symbolisiert. „Ting“ steht für Hof, bzw. Innenhof. Ursprünglich war nach chinesischer Bauart in der Mitte eines Gebäudes ein leerer Innenhof. Dieser symbolisierte das Zentrum und den höchsten Zustand, die Leere. „Nei“ (innen), „wai“ (außen), „yu“ (Jade) und „jing“ (Landschaft) bezeichnen die „innere und äußere Jadelandschaft“. Hiermit ist der eigene, innere Körper gemeint. Der letzte Begriff „jing“ bezeichnet ein Buch im Sinne von „Klassiker“. „Huang ting“ (gelber Innenhof) steht in der daoistischen Tradition für das Körperzentrum (hier: dantian) und die Leere als das höchste spirituelle Ziel, welches durch die energetische Transformation innerhalb der drei Dantian erreicht werden soll („huang ting san gong“). „Der Klassiker des gelben Innenhofes über die innere und äußere Jadelandschaft“ bezeichnet somit ein Schriftstück über die innere Energiearbeit innerhalb des gesamten eigenen Körpers in Bezug auf dessen Zentrum (Zentren).
Nach eigenen Nachforschungen mit Hilfe von Wang Ning, Ken Rose, Jarek Szymanski und Großmeister Chen Xiaowang kam ich zu der Erkenntnis, dass als Autor des Huang Ting Jing nur Frau Wei Huacun 魏 華 存 (251/252-334 n. Chr.), alias Xian An, in Frage kommt.
Das Huang Ting Jing entstand ursprünglich zuerst aus dem so genannten „Huang ting nei jing jing“ (Der Klassiker des gelben Hofes über die innere Landschaft) mit 36 Kapiteln, vermutlich zu Beginn der Jin Dynastie (265-420 n. Chr.). Nach Quellen des Chengdou Zhongjiao Xueyuan, eine daoistisch orientierte Forschungsgesellschaft in Chengdou (VR China), veranlasste Kaiser Jing Wudi im Jahre 288 das Huang Ting Jing um einen zweiten Teil, das „Huang ting wai jing jing – der Klassiker des gelben Hofes über die äußere Landschaft“ mit drei Kapiteln, zu erweitern. Sehr viel später, in der Sui, Tang oder gar Song Dynastie soll noch ein dritter Teil, das „Huang ting zhong jing jing – der Klassiker des gelben Hofes über die mittlere Landschaft“ hinzugekommen sein. Dieser dritte Teil wird in der Regel jedoch nicht so hoch geschätzt, da er im Wesentlichen eine vereinfachte Zusammenfassung der ersten beiden Teile darstellt. Er wird daher in der Regel nicht mit in das Huang Ting Jing aufgenommen.

Zu der Autorenschaft des Hauptwerkes des Huang Ting Jing, wird ausschließlich die Person Wei Huacun genannt, welche das Huang Ting Jing im dritten Jahrhundert nach Christus geschrieben und/oder kompiliert, sowie herausgebracht haben soll. Bei Wei Huacun endet die Möglichkeit der Rückverfolgung. Man kann sich nicht sicher sein, zu einem wie großen Teil der Text von ihr selbst kommt oder zu einem wie großen Teil sie vorher bestehende Texte zusammengetragen hat. Vor ihr jedoch ist keine weitere Zuordnung () möglich. So kann im Gesamtzusammenhang nur Wei Huacun als Autorin für das Huang Ting Jing genannt werden. In gleicher Weise gilt auch Zhuangzi als Verfasser des Zhuangzi und Laozi als Verfasser des Daodejing.
Historisch ist nicht viel über ihr Leben bekannt. Sie ist 251 oder 252 n. Chr. in Rencheng der Provinz Shandong geboren und war vermutlich die Tochter eines Ministers für Schulwesen namens Wei Shu am Hofe des Kaisers Wu der westlichen Jin (265-316 n. Chr.). Wei Shu selbst war wohl ein Schüler des „Weges der Himmelsmeister (tianshi)“. Mit 24 Jahren wurde Wei Huacun von ihrem Vater vermutlich gegen ihren Willen mit einer führenden Persönlichkeit der „Himmelsmeister“, Liu Wen aus Nanyang, verheiratet. Er soll Historiker mit guten höfischen Kontakten gewesen sein. Sie hatten zusammen zwei Söhne.
Wei Huacun genoss hierdurch eine daoistische Ausbildung und wurde u.a. zu einer Ritualmeisterin (jijiu) ausgebildet. Auch in den sexuellen Praktiken des Daoismus war sie eingeweiht. Als die östlichen Jin (317-420 n. Chr.) an die Macht kamen und ihre Familie in das heutige Nanjing (damals Jianye) auswanderte, verbrachte Wei Huacun den größten Teil ihres Lebens in Zurückgezogenheit. Sie soll das Huang Ting Jing an einen ihrer Söhne weitergegeben haben, der es wiederum ihrem Schüler Yang Xi weitergeben haben soll über den es dann weitere Verbreitung fand.
Ihre Wirkzeit wird in den Beginn der daoistischen Schule der „höchsten Klarheit („shangqing“)“ gesetzt, als dessen erster Patriarch (und somit Begründer) sie gilt. Ihr Sterbejahr wird ins Jahr 334 n. Chr. datiert.
Die Legende über Frau Wei Huacun erzählt man sich folgendermaßen:
Wei Huacun widmete sich schon seit jungen Jahren sehr ernsthaft der daoistischen Meditation, dem Studium des Laozi, des Zhuangzi und der inneren Alchemie. Im Alter von 24 Jahren arrangierten ihre Eltern für sie die Ehe, so dass sie ihre Praxis aufgeben musste. Doch sie betete zu den Heiligen, dass sie trotz ihrer familiär auferlegten Pflichten einen Weg finden würde, dass Dao weiterhin zu kultivieren. Nachdem sie ihre beiden Kinder groß gezogen hatte, verkündete sie, sich fortan wieder auf den Weg ihrer eigenen und eigentlichen Bestimmung zu begeben. Danach zog sie sich in die Einsamkeit zurück und praktizierte ausschließlich das Dao. Es heißt, sie habe das Dao auf dem Gipfel des Südens („Nanyue“, vermutlich Hengshan in der Hunan Provinz) verwirklicht. In dieser Region soll zu dieser Zeit eine rege Aktivität und Austausch zwischen Daoisten und Buddhisten stattgefunden haben.
Eines Tages während ihrer Meditation wurde sie plötzlich von Musik und dem Geräusch herannahender Streitwagen umhüllt. In einem hellen Licht erschienen vier Heilige aus dem Himmel, welche, hervorgerufen durch tiefen Respekt ihrer Disziplin und unermüdlichen Praxis gegenüber, ihr heilige Bücher überreichten und sie mit dem Namen „die Dame des Südberges (nanyue furen)“ ehrten. Einer von ihnen war der „Vollendete“ Jing Lin. Er soll ihr das Huang Ting Jing (Huang ting nei jing jing) überreicht haben.
Folgender Ausspruch wird ihr zugrunde gelegt:
„Innerlich das Vollkommen Aufrechte (zhengzhen) zu erleuchten, und äußerlich in den weltlichen Pflichten (shiye) aufgehen, zeigt ausgezeichnetes Talent. Dies pflegt den Weg von der Höchsten Vollkommenheit.“
Im Alter von 83 Jahren soll sie spezielle Mixturen, die ihr u.a. von Wang Bao („der Vollendete der ursprünglichen Leere“), welcher einigen Quellen zu Folge als ihr Lehrer aufgeführt wird, eingenommen und von der Erde verschwunden sein. Den Instruktionen von Wang Bao folgend, schloss sie sich im Yangluo Berg ein und fastete dort 500 Tage. Wieder sollen ihr Unsterbliche erschienen sein und ihr weitere Schriften übergeben haben, nach dessen Studium und Praktiken sie in die Himmel und den „Palast der höchsten Klarheit“ aufgefahren sein soll (1).
Auch wird erzählt, sie sei von den Himmeln herabgestiegen, um Yang Xi die Schriften zu übergeben (2).
In einigen Quellen erscheint sie nach der „Königinnenmutter des Westens“, Xiwang Mu, bereits an zweiter Stelle weiblicher himmlischer Rangordnung.
Ob von den Heiligen des Himmels überreicht, aus alten Vorgaben zusammengestellt oder selbst verfasst, Wei Huacun ist die Person, die für die Herausgabe des Huangtingjing und der in diesem Werk beschriebenen Techniken verantwortlich ist.
So ist es klar, dass der General Qi Jiguang als Mann die wichtigsten Kampfkunsttechniken seiner Zeit zusammengetragen und veröffentlicht hat, und Wei Huacun als Frau in gleicher Weise die Schwerpunkte daoistischer Energiearbeit und Lebensführung zusammenfasste.
Daher kann man sagen, dass das spätere Taijiquan sich in seiner ursprünglichen Quelle auf die Arbeit eines Mannes über die Kampfkunst und auf die Arbeit einer Frau über die innere Energiearbeit stützt. Diese Arbeiten wurden von Chen Wangting zu einem System zusammengefügt. Taijiquan war geboren. Schöpferisch zu gleichen Teilen von Mann und Frau.

http://www.wctag.de/artikel.html#frau

Jan Silberstorff

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One Response

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